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Paul Schmid

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02.04.2022 | 6 min

Pädagogik 3.0

Bildung der Zukunft

Der Begriff Pädagogik 3.0 unterliegt keiner genauen Definition. Als Ganzes betrachtet sind unter der Bezeichnung Pädagogik 3.0 moderne, auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft beruhende Lehr- und Lernmethoden, Raumausstattungen, Raumkonzepte oder gezielte Leistungsauswertungen inbegriffen, die für eine Bildung der Zukunft laut Forschung enorm wichtig sind. Berücksichtigt werden Erkenntnisse nicht nur aus der Bildungsforschung, sondern auch Erziehungswissenschaftliche Inhalte und Ergebnisse der Gehirnforschung. Der Mensch soll durch die Pädagogik 3.0 besser als sich bildendes Individuum wahrgenommen und behandelt werden um so die Grundsätze der Bildung der Zukunft wie z.B. Neugier, Komplexitäten verstehen und gestalten oder die Bewusstseinskultur besser erlernen zu können.

 

Unterschied Pädagogik 2.0 zu 3.0

Die Möglichkeiten, die sich durch die Erkenntnisse der Wissenschaft in Kombination mit digitalen Medien und Lernsoftware ergeben sind sehr vielseitig. Neben digitalen Lernprodukten die als Prüfungsersatz fungieren können, bis zum Flipped-Classrom oder dem Lernen mit Computerspielen (Gamification) ist vieles denkbar. Auch eine bessere Analyse einzelner SuS Leistungen durch datenschutzkonformes Data Mining ist möglich. Einige dieser Methoden sind aktuell bereits im Einsatz, (nicht flächendeckend, eher einzelne LuL) oder werden durch verschiedenste Versuche genauer beobachtet.

Um den Unterschied zwischen unserem aktuell vorherrschenden Bildungssystem (Pädagogik 2.0) und der Bildung der Zukunft deutlich zu machen, schauen wir uns die unterschiedlichen Grundsätze der Modelle einmal vereinfacht an:

Pädagogik 2.0 (7-G-Modell)
Alle gleichaltrigen Kinder sollen beim gleichen Lehrer mit dem gleichen Lehrmittel im gleichen Tempo das gleiche Ziel zur gleichen Zeit gleich gut erreichen.”

Pädagogik 3.0 (V-8-Begleitung)
Auf vielfältigen Wegen mit vielfältigen Menschen an vielfältigen Orten zu vielfältigsten Zeiten mit vielfältigen Materialen in vielfältigen Schritten mit vielfältigen Ideen in vielfältigen Rhythmen zu gemeinsamen Zielen.”

Gegensätzlicher können zwei Modelle kaum sein, doch genau das zeigt uns, wie groß die Kluft zwischen “alt” und “neu” sein kann, und dass jede Menge Arbeit, Willen und Geld nötig ist um das deutsche Schulsystem fit für die Zukunft zu machen.

Mangelware Individualismus

Aktuell ist der Unterricht systematisch nach Fächer sortiert und standardisiert. Alle sollen in der gleichen Zeit das gleiche Lernen, deshalb auch die standardisierten Abschlussprüfungen. Das große Problem dabei ist, dass wenig bis gar nicht auf individuelles Lernverhalten (Tempo, Interessen etc.) eingegangen werden kann. Die Folge ist immer häufiger eine inhaltsgleichgültige Jagd nach Noten und daraus resultierend eine an die Vorgaben angepasste Oberflächlich- und Orientierungslosigkeit. Das Gehirn wird mit trägem Wissen (hab ich schonmal gehört) vollgestopft, das von den SuS Bulimie artig gelernt und dann wieder vergessen wird. Da wundert es nicht, wenn nach der Ausbildungskarriere wenig Wissen über das eigene individuelle Potenzial vorhanden ist. (1)

Unser Schulsystem im Ist-Zustand spiegelt nicht den modernen Zeitgeist wider, und stattet die SuS nicht wie notwendig mit den für die Zukunft gebrauchten Fähigkeiten aus. Dies bestätigt auch eine aktuelle Umfrage, die im Auftrag des Cornelsen Verlags von dem Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie durchgeführt wurde. Dabei wurden 1100 Schulleitungen über Themen wie “Was soll Schule leisten?” oder “Digitalität und Schule” befragt. Die repräsentative Umfrage zeigt auf, wie einig sich Schulleitungen über ganz Deutschland hinweg in vielen Punkten sind. So halten z.B. 82% das aktuelle Fächersystem für nicht zeitgemäß und sogar 97% der Leitungen sprechen sich für eine Erlernung der SuS im verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien aus. Außerdem glauben 87%, dass Apps und andere digitale Programme in Zukunft individualisiertes Lernen unterstützen können. (2)

Der Weg in Richtung „Schule der Zukunft“

Um unsere Schulen auf die Bildung von (Über)Morgen vorzubereiten sind einige grundsätzliche Voraussetzungen nötig, bei denen es leider auf Grund der verschlafenen Digitalisierung noch viel Nachholbedarf gibt. Um digitale Medien der Pädagogik 3.0 flächendeckend und voll nutzen zu können, ist eine schnelle Internetverbindung essenziell und damit die erste und wichtigste Voraussetzung.

Leider zeigen Angaben aus einer Bundestags Anfrage der FDP aus 2021 dass nur 37,2 Prozent der 33.282 Schulen in Deutschland über eine Verbindungsgeschwindigkeit von über 1000mbit/s verfügen. 96,6% der Schulen können auf eine Verbindung mit min. 16mbit/s zugreifen. (3) (Stand Ende 2020) Schnelles Internet ist für viele Schulen leider noch immer nur ein schöner Traum. Eine Grafik von Statista (4), die auf einer Umfrage von 2019 basiert verdeutlicht das Problem:

STATISTA_umfrage-verfuegbarkeit-internet-und-wlan-in-klassenzimmern

Dieser elementare Mangel muss von der Politik in Zusammenarbeit mit den Kommunen schnellst möglich angegangen und behoben werden. Denn ohne gut ausgebautes Fundament, ist ein solider Aufbau nicht möglich. Wird nicht eingegriffen, droht Regionen die finanziell schlechter aufgestellt sind weiter abgehängt zu werden. Für die Chancengleichheit in der Bildung wäre das fatal.

An anderer Stelle konnte jedoch ein deutlicher Sprung nach vorne gemacht werden. Der DigitalPakt und die im Zuge der Corona Pandemie bereitgestellten finanziellen Mittel durch den Bund haben für einen gewaltigen Boost bei der Verfügbarkeit von digitalen Endgeräten an Schulen gesorgt. Und das ist gut so! Der Zugriff auf Geräte und damit auch auf Software oder das Internet, machen einen modernen Unterricht überhaupt erst realisierbar. Gleichzeitig muss dafür gesorgt werden, dass LuL im Bereich Medienkompetenzen langfristig besser ausgebildet werden.

Schnelle Verbindungen ins Internet, der Zugriff auf digitale Endgeräte und Lernsoftware sind wichtige Bestandteile der zukünftigen Bildung. Mindestens genauso wesentlich ist es, an Schulen für Ausgewogenheit und einem Gleichgewicht zwischen digitalem Lernen und der Persönlichkeitsentwicklung durch Musik, Theater und Sport zu sorgen. Es sollen Verhältnisse geschaffen werden, in denen ein freundliches, entspanntes und spielerisches Lernen möglich ist um die Neugier und die Bewusstseinskultur zu stärken.

Prof. Dr. Burow greift in einem von Ihm veröffentlichten Papier die 8 “C”s der Schule der Zukunft von Ken Robinson auf die zeigen sollen, auf welchen Gebieten SuS geschult werden müssen um nach der Ausbildungskarriere mit guten Fähigkeiten ausgestattet zu sein. (5)

Der Raum als Pädagoge

Um diese Grundsätze umzusetzen, braucht es eine völlige Umstrukturierung der Klassenzimmer hin zu einer je nach Lernbedürfnissen angepassten Lernumgebung. Vorstellbar sind mehrere spezielle “Zonen” im Raum. (z.B. Austausch Zone, Präsentations Zone, oder eine Entwicklungs Zone) Die Idee hinter dem “open classroom” ist die Förderung von Kreativität und Vorstellungskraft durch offene Räume. Der Gedanke ist nicht neu, bereits in den 60er Jahren fand er vor allem in den USA großen Anklang. Von Erfolg gekrönt waren die Projekte damals allerdings nicht, da Lehrende zu wenig in den Planungsprozess einbezogen wurden, und so ihre Unterrichtskonzepte nicht an die neue Situation angepasst waren. (6)

Die Möglichkeiten für eine flexible Raumgestaltung sind zahlreich. Die Alemannenschule in Wutöschingen verbindet geschlossene “Inputräume” mit offenen Orten des gemeinschaftlichen und eigenständigen Lernens. München und Herford verfolgen einen etwas anderen Ansatz: Dort soll die Schule aus mehreren Lern- und Teamhäusern bestehen, in deren Mitte sich ein großes Forum befindet. Um das Forum herum sind die Unterrichtsräume angeordnet. (6)

Lehrende als Lernumgebungsdesigner

Verschiedenste Studien zeigen, wie groß der Einfluss der Lernumgebung auf das Lernverhalten der SuS ist. Dementsprechend ernst sollte eine auf die Bedürfnisse anpassbare Raumgestaltung für zukünftige Planungen genommen werden. Durchgesetzt haben sich bis jetzt folgende drei Organisationsmodelle (6):

  • das Klassenraum-Plus-Modell, bei dem das herkömmliche Klassenzimmer um weitere Flächen ergänzt wird, die eine größere Differenzierung möglich machen. So werden beispielsweise Rückzugsorte oder Gruppenräume geschaffen oder die Klassenzimmer so vergrößert, dass eine Differenzierung innerhalb eines Raumes möglich ist.
  • das Cluster-Modell, bei dem mehrere Klassen einen Pool von Räumen nutzen. Die Räume sind hier so angeordnet, dass verschiedene Kombinations- und Trennungsvarianten möglich sind.
  • die Lernlandschaft, die völlig ohne Klassenzimmer auskommen kann und bei der Lernsituationen in einem offenen Raum geschaffen werden.

Die Rolle der Lehrenden wird sich durch neue Lern- und Raumkonzepte stark verändern. Anstatt frontal Unterricht zu halten, werden die Lehrenden schrittweise zu Lernumgebungsdesignern, die die geeigneten Lernmedien passgenau für die einzelnen SuS oder die Projektgruppe zuschneiden und als Lernberater ihre Lerntätigkeit begleiten.

Je nach Konzept könnte eine zukünftige Aufgabe für Lehrende sein, die flexiblen Räume nach Bedarf umzugestalten, um für die gestellte Aufgabe die optimalen Lernverhältnisse für die SuS herzustellen. Im Optimalfall kombiniert der/die Lehrende das Raumdesign mit durch Medienmöbel steuerbaren digitalen Endgeräten und zielgerichteter Lernsoftware. Die Kombination aus digitalen Endgeräten, Lernsoftware und Raumdesign, und die sich daraus bietenden Möglichkeiten machen die Pädagogik 3.0 so vielseitig und vielversprechend.

Föderalismus und Chancengleichheit

Eine große Herausforderung der zukünftigen deutschen Bildungspolitik im Hinblick auf die Pädagogik 3.0 wird es die Chancengleichheit im Bildungssystem durch den Föderalismus nicht weiter auseinander driften zu lassen. Schon jetzt haben Regionen in denen Kommunen finanziell weniger Möglichkeiten haben Probleme mit der Entwicklung Schritt zu halten. Oft reicht das vorhandene Geld nicht einmal aus um die Toiletten zu reparieren. An bauliche Maßnahmen zur Raumumstrukturierung ist in solchen Fällen ohne Hilfe des Bundes nicht zu denken.

Besonders tragisch für finanzschwache Kommunen ist die grundlegende Veränderung der Rolle der Schulträger durch die Digitalisierung. Eigentlich herrscht in unserem Bildungssystem eine strikte Arbeitsteilung zwischen den Kultusministerien und den Schulträgern. Die Ministerien sind dafür verantwortlich, was im Unterricht gelehrt wird. Städte und Gemeinden kümmern sich um die Infrastruktur. Sie sorgen für den Schulbau und die Ausstattung der Räume. Je nach Verfügbarkeit der finanziellen Mittel werden diese Aufgaben mal besser, mal schlechter wahrgenommen. Eine defekte Toilette hat aber keinen Einfluss auf den Englischunterricht.

Durch die Digitalisierung hat sich die Rolle der Schulträger jedoch grundlegend verändert. Nun haben die Kommunen einen großen Einfluss darauf, was und wie unterrichtet wird. Mal angenommen ich bin Lehrer an einer Schule, deren Schulträger keine Finanzmittel zur Verlegung eines schnellen Internetanschlusses aufbringen oder bauliche Maßnahmen zur Anpassung des Raumdesigns vornehmen kann. In diesem Szenario hat die finanzielle Situation des Schulträgers plötzlich Einfluss auf den Englischunterricht. (7)

Für die Chancengleichheit im Bildungssystem sind diese Entwicklungen sehr gefährlich. Um zu vermeiden, dass ganze Regionen bildungspolitisch abgehängt werden, ist ein Handeln der Politik zwingend erforderlich. Gespräche zwischen Bund und Ländern gibt es bereits, jedoch noch keine konkreten Ergebnisse.

Fazit

Der technische Fortschritt in Kombination mit einem immer besser werdenden Verständnis in den Bildungs- und Erziehungswissenschaften sowie der Gehirnforschung, ist die größte Chance die Bildungssysteme jemals hatten. Durch Forschung und Technik ist es möglich eine Symbiose aus den wichtigsten Bausteinen zu schaffen, die für ein optimales Lernen essenziell sind. Diese Chance sollten wir unbedingt nutzen! Auch wenn das eine oder andere Mal etwas nicht so funktioniert wie man es sich vorgestellt hat. Egal, wichtig ist weiter zu machen, weiter neue Ansätze, Methoden oder Programme auszuprobieren. Denn nur wenn wir praktische Erfahrungen sammeln, können wir eventuelle Missstände oder Fehlentwicklungen erkennen und darauf reagieren.

Die alle Schularten umfassende perfekte Lösung gibt es auch durch die Pädagogik 3.0 nicht. Jedoch kann sie durch die große Zahl an verschiedensten Kombinationsmöglichkeiten jeder Schule dazu verhelfen, das für sich bestmögliche Modell zu finden. Wenn wir es schaffen die Chancengleichheit dabei mit einzubeziehen und zu wahren, steht unserem Bildungssystem möglicherweise eine goldene Zeit bevor.

Intelligenz ist die Fähigkeit den Raum des Nichtwissens nicht mit Vorurteilen zu füllen, sondern mit Neugier.

Marin Urner

Neurowissenschaftlerin